JOSEF SAILSTORFER

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Ortsbezogenheit und Minimalismus im Werk Josef Sailstorfers

"I always liked simple rock." John Lennon, 1970

Die Minimalen Formprinzipien und Gesten der ästhetischen Reduktion, wie sie für das Werk Josef Sailstorfers charakteristisch sind, wirken ganz unscheinbar. Als spezifische Gesten in spezifischen Kontexten, die seit geraumer Zeit die vielfältigsten Deutungen erfahren und durch komplexe theoretische Programme untermalt wurden, sind sie jedoch weder eigentlich einfach noch unschuldig. Jedes ästhetische Objekt trägt die Spuren der Diskurse in sich, die es möglich gemacht und begleitet haben.
Insofern liegen die Ursprünge der Arbeit Josef Sailstorfers im amerikanischen Kunstdiskurs der 1960er Jahre. In größtmöglicher Buchstäblichkeit und Plakativität konstatierte der Maler Ad Reinhardt 1962 in diesem Sinne: "Kunst ist Kunst-als-Kunst und alles andere ist alles andere. Kunst-als-Kunst ist nichts als Kunst. Kunst ist nicht, was nicht Kunst ist."1 Die grundlegende Distanz der Kunst von allen Koordinaten des alltäglichen Lebens wurde zum ästhetischen Postulat.
In den geometrischen Objekten, die in sich keine Verweise auf äußere Sinngehalte trugen, steigerte sich die Ökonomie der Mittel ins Extrem. Statt abbildlicher Darstellung und narrativen Inhalten traten Farbe, Form und Materialität als die elementaren Probleme der ästhetischen Gestaltung hervor. Insbesondere jene Strömung der amerikanischen Kunst, die später als Minimal Art bezeichnet wurde, brachte diese Entwicklung auf ihren vorläufigen Höhepunkt.
Sie ließ dabei auch Malerei und Skulptur in Konkurrenz treten. Das gemalte Bild bleibe, so meinte der Minimal Artist Donald Judd, aufgrund seiner spezifischen Medialität mit einem "gewissen Grad an Illusionismus" verwoben.2 Dagegen sollte das skulpturale, geometrische Objekt durch seine bloße materielle Präsenz im Raum nichts anderes mehr sein als es selbst und den Verzicht auf äußere Verweise radikalisieren. Mit dem Anspruch reiner Raumgestaltung öffnete dieser Objektbegriff auch die Grenze zur Architektur. Ferner rückte mit der Abkehr von der Repräsentation äußerer Sinngehalte der Prozess der ästhetischen Gestaltung an die Oberfläche: Im fertigen Objekt blieben seine Spuren ablesbar bestehen. Darin bestanden wesentliche Neuerungen der Minimal Art.
Durch die "gereinigte" räumliche Gestaltung, den Gestus der formalen Askese, den Verzicht auf narrative Strategien, ornamentale Vielfalt und üppige Ausstattung wurden die Herausforderungen formaler Spannungsverhältnisse jedoch nicht ausgeräumt. Ausgehend von der Klarheit der geometrischen Formen, rückten stattdessen schlichte Antworten auf die jeweiligen formalen Gegebenheiten des Kontextes, der Verarbeitung und des Materials ins Zentrum. Seit der Minimal Art wurde in diesem Sinn das Thema hervorgehoben, Antworten in den Raum zu setzen und "site specific", bezogen auf den jeweiligen Kontext zu operieren. Der umgebende Raum tritt als strukturierendes Merkmal der ästhetischen Objekte hervor. Richard Serra, ein Vertreter ortsbezogener Plastik, formulierte programmatisch: "Die Arbeiten werden Teil des Orts und strukturieren seine Organisation hinsichtlich Konzeption wie Wahrnehmung um." 3
Mindestens durch Einbeziehung des Kontextes stehen die asketischen Formen reiner Geometrie auch mit den amorphen Formen des bewegten Lebens in Spannung. Sailstorfers Arbeiten bilden einen ruhenden Pol in einer Welt allseitiger visueller Reize. Erst durch den Kontrapunkt der geometrischen Formen, so ließe sich pointieren, tritt der Spannungsreichtum formaler Beziehungen in einem jeweiligen Kontext überhaupt hervor. Die strikte geometrische Organisation des skulpturalen Objekts korrespondiert schon deshalb immer mit der Unruhe und Vielschichtigkeit der Umgebung. Aber auch die immanenten Spannungen des Materials treten auf diese Weise in Erscheinung. Reduktive Kunst ist, wie im Falle der zugleich minimalistischen und monumentalen Arbeiten von Josef Sailstorfer, spannungsreich, konkret in ihrer Erzeugung ästhetischer Gegensätze.

Dr. Johan Frederik Hartle
Kunstkritiker und Philosoph
Köln und Jerusalem



1 Ad Reinhardt: Kunst-als-Kunst, in: ders.: Schriften und Gespräche, hg. v. Thomas Klein, München: Silke Schreiber, 1984, S. 136.
2 Bruce Glaser: Fragen an Stella und Judd, in: Minimal Art. Eine kritische Retrospektive, hg. von Gregor Stemmrich, Dresden/Basel: Verlag der Kunst, 1995, S. 42.
3 Richard Serra: Der Yale-Vortrag, in: Kunst-Theorie im 20.Jahrhundert, hg. von Charles Harrison und Paul Wood, Ostfildern-Ruit: Hatje, 1998, S. 1397.